43. Tag: Tangariro Alpine Crossing

Nach aus unbekanntem Grund schlecht geschlafener Nacht friere ich morgens mal wieder. Ich stehe um viertel vor sieben auf, frühstücke, mache mir Stullen für den Tag und sitze um 8 Uhr im Bus, der mich zum Ausgangspunkt der vielleicht schönsten Tageswanderung Neuseelands bringen soll, dem “Tangariro Alpine Crossing”

Am Ziel erzählt Dave, der freundliche Busfahrer, wie das nachher mit der Rückfahrt sein wird, was z.B. passiert, wenn wir den letzten Bus verpassen. Nun fast nichts, außer dass dann noch mal der kleine Bus kommt, den man dann natürlich extra bezahlen muss. Jeder muss sich in die Liste eintragen, damit am Ende keiner im Vulkan verschwunden bleibt.

Nun geht es los. Mit uns sind nicht nur andere Wanderer, sondern auch ein Ladung Schulkinder am Start. Dummerweise laufe ich hinter ihnen und leider sind sie etwas zu langsam. Irgendwie gelingt es mir und anderen, an den Kids vorbeizukommen. Ich werde sie noch öfters treffen.

Das Starterfeld zieht sich immer mehr in die Länge. Im Reiseführer stand, am Wochenende im Sommer wären durchaus 1000 Leute unterwegs. Hm, heute ist Montag und es ist Herbst und ich glaube es sind 995 ;-)

Beim dritten Mal überholen und wieder eingeholt werden grüßt man die bekannten Gesichter schon nicht mehr. Ich möchte zügig anfangen, weil ich mit einem Abstecher liebäugele – und die Uhr tickt: in achteinhalb Stunden fährt der letzte Bus.

Es geht erst zahm bergauf, Lavageröll beidseitig. Die erste Etappe habe ich schon mal gut geschafft, aber nun wird es steiler, das Keuchen beginnt. Aber auch die Mitstreiter müssen jetzt öfter pausieren.

Schließlich stehe ich am Fuß des wunderschönen Aschekegels des Mt. Ngaurohoe (wie das wohl ausgesprochen wird), der 1975 das letzte Mal einen pyroklastischen Strom abgesondert hat. Ich bin auf ungefähr 1750, der Kegel ist 2287. Das ist das eine Problem, das andere ist, dass es Asche und Geröll sind, über die man steil hinauf muss. Wege gibt es nicht, nur die Pfade derer, die vorgegangen sind. Ich stehe da und überlege eine Weile, tausche mit einem jüngeren Alleinwanderer mühsam englische Überlegungen aus, bis er dann ein deutliches “Ich geh da jetzt rauf!” vernehmen lässt ;-)
Ich gehe hinterher, allerdings erstmal ohne das Ziel, den Gipfel erreichen zu wollen.
Der ist so schwierig, wie er aussieht. Es ist nicht wirklich gefährlich, wenn man von möglichen Schürfwunden absieht. Aber es ist mühsam. Da rutscht der Fuß weg, dort hat man Angst eine Lawine auszulösen. Letzteres passiert aber nicht, weil das rutschende Geröll doch schnell zu stehen kommt.
Hin und wieder gibt es scharfkantige Lavafelsen, an denen man sich hochziehen kann. Inzwischen packe ich meine Fototasche in meinen Rucksack, viel besser geht es so auch nicht. Andere haben ihre Sachen einfach unten stehen lassen. Das will ich nicht, weil ich einen anderen Weg runter will, um abzukürzen.

Irgendwann auf knapp der Hälfte ist gut. Ich bin schon ziemlich kaputt, es ist schon reichlich 1 Stunde vergangen und Vulkan-Kegel haben die Angewohnheit nach oben hin steiler zu werden. Also verordnet mir mein gesunder Menschenverstand den Rückzug. Und das geht ziemlich gut. Per Geröllabfahrt geht es mit leichten Riesenschritten hinunter. Einziges Problem sind nun die festen Felsen, die ich beim Abstieg gesucht habe. Jetzt stoppen sie meine Abfahrt plötzlich, das ist aber auch das einzig vielleicht gefährliche an der Sache. Ansonsten ist diese Methode, die ich mal auf Uni-Alpenexkursion gelernt habe, die deutlich bessere.

Unten gehts es den normalen Weg weiter, der sich allerdings nun wieder steil emporschlängelt. Die Schüler habe ich jetzt, dank meiner Vulkankegel-Eskapaden vor mir. Waren die Blicke vom Kegel schon genial, so werden sie jetzt noch besser. Eine traumhafte Landschaften mit den verschiedensten Vulkanstadien, Lavafeldern und oben heißen Steinen, zwischen denen leichter Dampf hervor quillt. Ist ist durchaus noch was los im Untergrund. Der größte Vulkan, der Mt. Ruapehu, ist 1996 das letzte Mal ausgebrochen. Das größte Problem war damals, dass er als Skiberg dann ausfiel und die Skisaison etwas kürzer war als sonst. Dafür lockte seine Aschenfahne andere Besucher an.

Zwischendurch stinkt es wunderbar nach Schwefel und Schwefelwasserstoff, die Esmeralda Seen sind von sehr farbigem Gestein umgeben.

Inzwischen haben sich auch die Blick wieder verändert. Nach Nordosten ist weit im Land der Lake Taupu zu sehen, unter dem eine alte riesengroße Caldera schlummert…

Der Abstieg vom Kraterrand geht wieder über Geröll und ich wundere mich wie vorsichtig und langsam viele Leute hinunter gehen. Auch hier geht es mit dem “kontrollierten Rutschen”, der Geröllabfahrt, wieder wunderbar.

Nach einem letzten Anstieg beginnt ein langer, langer Weg hinunter. Zwar relativ zahm und knieschonend, aber er scheint nicht enden zu wollen. Aber die Entschädigung ist wunderbar: Herrliche Ausblicke, später ein kühler Wald mit einem rauschenden Bach und dann endlich nach 20 Kilometern und 1000 Höhenmetern erreiche ich nach 7:15 Stunden den Parkplatz. Ein bisschen Warten, dann kommt Dave und kutschiert uns zum Campingplatz zurück. Dort erstehe ich ein Magnum für 3 Dollar 30 (!). Das Knacken, als ich hineinbeiße, kann man bestimmt noch auf den Vulkanen hören ;-)

Was für ein geiles Gefühl so eine sagenhaft schöne Tour gemacht und geschafft zu haben!!!

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One Comment

  • Marina sagt:

    …musste ja gleich nachschauen. Tongario Crossing war mein Highlight – einfach traumhaft. Den Kegelabstecher habe ich allerdings nicht versucht. Werde nun mal weiterlesen, wohin es als nächstes ging.